Zeit für ein wenig Nostalgie

In einer so schnelllebigen Zeit wie unserer…

wird es immer wichtiger sich an die erlebten Dinge im Leben zu erinnern, die aus uns das machten was wir heute sind – vorausgesetzt sie waren gut. 😉  Wenn wir uns an unsere Wurzeln erinnern können, dann kümmern wir uns nicht nur um das Hier und Jetzt, sondern auch um das Warum. Natürlich gibt es auch Mitmenschen unter uns, die haben so wenig Gehirnmasse, die leben in den Tag hinein und finden das wunderbar. Für solche Menschen ist jeder neue Tag „DAY ONE“. Kann auch sehr spannend sein immer aufs Neue denselben Mist zu produzieren, dieselben oberflächlichen Sendungen im TV zu schauen und ehe man sich versieht hat man die 60 erreicht und blickt auf ein Leben zurück, was man inhaltlich mit 4 bis 5 Fotos in seiner Timeline erklären könnte. Foto 1 = meine erste Sauftour mit 12 Jahren, Foto 2 = meine erstes Moped, Foto 3 = das ist Susi, Jesus hatte die dicke Hupen, Foto 4 = das war mein Eigenheim, Foto 5 = Hier war ich in der Reha. Das Buffet war lecker!

Anders natürlich bei mir!
Gut, so ein Susi-Foto habe ich auch noch irgendwo auf dem Dachboden in einem Koffer liegen. Der Rest meiner Timeline war jedoch sehr abwechslungsreich und vielschichtig. Wenn ich so die letzten 45 Jahre zurückblicke, habe ich eigentlich nie übertrieben Geld verprasst oder über meinen Mitteln gelebt. Dank dieser sparsamen Einstellung, die bis heute mein Credo ist,  habe ich auch von meinem liebsten Kollegen, dem EU-Klaus, einen ganz besonderen Titel verpasst bekommen: Ehrenbürger von Sparfuchshausen
Sparsam zu sein heißt ja nicht gleich auch geizig zu sein. Ich teile gerne, verschenke und mache anderen gerne eine Freude, da wo es mir Freude bereitet und gut ist für mein Seelenheil. Dafür musst du vorher aber erst einmal eine sparsame Einstellung dir selbst gegenüber besitzen, sonst hättest du ja nichts zu verschenken. 😉

Als Kind mit vier weiteren Geschwistern, hatte ich es relativ leicht. Ich war der Jüngste im Clan und hatte dadurch den meisten „throughput“ was Liebe, Geschenke und Beschäftigung anging. Was ein Glück! Meine Eltern kauften gerade ein Haus und mein Vater arbeitete locker 9-14 Stunden am Tag und allen ging es prächtig. Meine besten Jahre waren die 80er und 90er Jahre. 1980 ging es in die Grundschule. Heile Welt war angesagt mit einer Klassenlehrerin Frau Singer, die tatsächlich noch sich einen Kopf um jedes einzelne Kindlein machte. Problemfälle, also Kinder die es nicht so toll hatten wir ich, unterstützte sie finanziell aus eigenen Mitteln. Sie war, wie viele andere in dieser Zeit, Lehrerin der Herzen. Sie nahm ihre Aufgabe wirklich ernst. Zum Geburtstag gab es kleine Geschenke von ihr und auch sonst brachte sie den Kindern, die kein tolles zu Hause hatten bei, wie man miteinander umgehen sollte = mit Respekt und Anerkennung dem anderen gegenüber! Klar hat man sich auch mal auf die Nase geboxt, aber das ging dann ohne Schulverweis etc. von statten. Hier hat man dann auch diverse Vollpfosten kopfüber in die Mülltonne gesteckt (würde ich heute gerne noch tun!), ohne dass das Jugendamt eingeschaltet wurde. Da hatte man noch Respekt voreinander!

Was wir damals als Kinder nicht zu Weihnachten oder zum Geburtstag bekamen, fanden wir dann auf dem Sperrmüll. 😉 Sperrmüll war für uns Kids damals neben Ostern, Weihnachten, Geburtstag und Hochwasser einer der wichtigsten Tage im Jahr, wo wirklich jeder bis spät am Abend auf der Straße unterwegs war! Da gab es so viele Sachen zu entdecken. Mutprobe bei uns war damals mit einem Besenstil das Ende einer TV-Bildröhre zu treffen und somit wegen dem Unterdruck ein lautes Zischgeräusch zu erzeugen. Für uns war das eine sehr gefährliche Herausforderung!  Was wir natürlich mitnahmen waren Matchbox Autos und andere damals schon hochwertigen Spielzeuge. Auch Zeitschriften wie „Wochenend“ oder „Praline“ waren der Renner unter uns Kids! Aber ich möchte das mal relativieren was die Sexzeitschriften anging. In dem Alter wo wir solche Zeitschriften schauten, da bekommen heute die meisten minderbemittelten Twerk-Teenies schon ihr 2. Kind. Also alles harmlos was wir damals machten! 🙂 Am nächsten Tag zeigte jeder jedem seine Errungenschaften und es entstand ein reger Handel mit den Klamotten. Mein erstes Tauschgeschäft damals war sehr erfolgreich für mich. Ich tauschte einen gefundenen Fastnachtsrevolver gegen einen funktionierenden Ghettoblaster ein. Glück muss man halt auch haben! 🙂 Diese Freude von damals kann ich noch heute so empfinden wenn ich daran zurückdenke. Wir hatten damals weitaus mehr Spaß als die neureichen Kids, die jede Woche 100 DM in die Hand gedrückt oder permanent neues Spielzeug in den Hintern geblasen bekamen. Wir hatten nämlich echte Freunde! Was will man aber auch mit einem solch aufgeblasenen Panz, der nichts Besseres zu tun hat als permanent mit seinen tollen Sachen anzugeben. Ach doch, für eine Sache war er gut… er war das Kind, was kopfüber in der Schule in der Mülltonne landete. Große Schnauze, nichts dahinter. Er hatte damals daraus gelernt! Hätten wir nicht reagiert, wäre er sicher ein böser Mensch geworden, oder halt ein Politiker.

Auch eine sehr angenehme Zeit meiner Kindheit war das Angeln mit Jugendfischereischein am Rhein. Mein erstes Rotauge fing ich mit ca. 3 Jahren. Ein Nachbarsjunge hatte mir damals seine Handangel in die Hand gedrückt und dort war dann, oh Wunder, ein Fisch dran. Für mich natürlich eine prägende Situation.  Es dauerte jedoch noch weitere 5 Jahre bis ich erneut mit dem Thema in Kontakt trat. Der Freund meiner Schwester zeigte mir zu Hause seine Angelausrüstung. Meine Güte war ich damals beeindruckt! So viel Zubehör und Angelruten! Er bot mir an, mich mal mitzunehmen am Rhein. Daraufhin machte ich meine Eltern verrückt mir eine Angel zu kaufen. 20 DM kostete damals ein Einsteigerset mit Rute, Rolle, Hakenlöser, Schwimmer und 3 Pakete Haken. War echt ein genialer Moment als ich meine erste Angelrute in den Händen hielt. Meine ersten Angelmomente am Rhein verliefen relativ unspektakulär. Ich wurde vorgewarnt, dass es keine Garantie gab mit einem Fisch nach Hause zu kommen. Vor allen Dingen nutze ich die ersten Tage am Wasser mit dem Angelgerät überhaupt umgehen zu können. Ich vertrieb wohl mehr die Fische, als das ich jemals eine Chance gehabt hätte einen Fisch zu fangen! Daher hatte auch der Freund meiner Schwester recht schnell die Nase voll mich mit ans Wasser zu nehmen.
Was macht man wenn man frisch ein neues Hobby angefangen hat und niemand will mit dir ans Wasser gehen? Freunde überreden auch eine Angel zu kaufen! So war es dann auch und prompt ging es dann in jeder freien Minute ans Wasser. Natürlich durften wir damals auch noch nicht mit Jugendfischereischein alleine ans Wasser aber das war uns egal. Wir hatten ja Fahrräder dabei und waren auch schnell zu Fuß wenn es denn mal darauf ankam. Aber die Wasserschutz-Polizei kannte uns bereits. Großer Ärger war nicht zu befürchten. Einmal, wir standen fast mit allen Kindern vom Ort am Hot-Spot für Rotaugen, der Abwasserröhre von Ehrenbreitstein, plötzlich kam ein Auto der Wasserschutz Polizei vorbei und hielt an. Fenster ging runter und der Beamte fragte uns „Und? Schon was gefangen?“ Kleinlaut zählten wir auf und kamen auf 45 Rotaugen, aber alle wieder schwimmen gelassen. Er streckte den Daumen nach oben und erklärte uns kurz, dass wir beim nächsten Mal doch bitte eine Person mit Angelausbildung dabeihaben sollten. Petri heil sagte er und fuhr weiter. Heute hätten wir sicher Sozialstunden bekommen, dass Jugendamt wäre auf Lauerstellung und ein Psychologe würden ganz sicher meine Eltern für meine missratene Jugend verantwortlich machen wollen. Schöne Zeit war das damals!  Kein Vergleich zu heute.

Als wir dann langsam das andere Geschlecht als sehr attraktiv erkannten, hatten wir zum Glück eine Anlaufstelle, die permanent Frischfleisch produzierte = das Hotel „Zur Kaul“ in Koblenz-Ehrenbreitstein. Hier lernte ich auch meine ersten englischen Wörter oder sagen wir mal wie es war, hier und nicht in der Schule lernte ich mein Englisch und ich war da auch sehr erfolgreich. Was ich nicht in Worte packen konnte, behob ich mit Taten. Damals waren die Engländerinnen eh hübscher wie die deutschen Mädchen… auf alle Fälle durch ihre Sprache sehr geheimnisvolle Wesen! Wenn ich mir heute überlege was für Orks wir hinterher gelaufen sind… uiuiuiui. Die sahen doch alle so aus, als hätten sie ein und denselben Vater.
Wir hatten immer dieselbe Masche um mit ihnen in Kontakt zu treten. Wir setzten uns einfach auf die andere Straßenseite des Hotels und fingen an jedes weibliche Wesen mit einem „Hello baby“ zu begrüßen. Natürlich hatten wir die passenden Sonnenbrillen auf, scheiß egal ob es bewölkt war, Hauptsache Miamy-Vice Style! Wir fingen förmlich an uns zu verkleiden. Cooles Oberteil vom Anzug, T-Shirt von Boss, eine hippe Jeans von Chewan und schwarze Lackschuhe und wir haben nach Deo und Parfum gestunken, als hätten unsere Eltern ´nen Puff.
Leck mich am Hintern was war mir das peinlich, als mal mein Klassenlehrer durch unser Dorf fuhr und mich in meinem Outfit erkannte!!! Da war ich Thema der Woche in unserer Schule. Das verdutzte „Sascha, bist du das?!?!“ habe ich noch immer in den Ohren! Die Zeit war genial! Aber nach 2 Jahren war vorbei. Es hatte sich an den Schulen in England herum gesprochen wer wir in Koblenz Ehrenbreitstein waren. Da wir bei jeder englischen Klassenfahrt einen anderen Vornamen benutzten = James, Don, Peter, Phil etc. und es schon einige Fotos von uns an diesen Schulen gab, kam man uns dann auf die Schliche. An einem Tag fragte man uns dann „What´s your name?“… wir antworteten dann wieder ganz spontan mit den coolsten Vornamen aus dem englischen Sprachraum und prompt bekamen wir von den Mädels zu hören „You´re a liar!!!“ = ihr seid Lügner! Dann zeigten sie uns alte Fotos von uns und das war es mit unserer Erfolgsstory.
Im Grunde war es ja auch egal. Wir waren jetzt alt genug und auch erfahren uns den schüchternen, deutschen Mädchen anzubieten.

28 Jahre später = 4 Kinder, 3 Hunde, eine Frau (seit 25 Jahren die gleiche), kamen mein Bruder Mario und ich spontan auf die Idee, diese alten Angelstellen erneut zu besuchen und uns ein wenig wie damals zu fühlen. (Heute natürlich mit Angelschein!) Wir trafen uns früh am Morgen im Hafen bei Koblenz Ehrenbreitstein. Dort fingen wir an unsere Angeln auszupacken. Nach ein paar Würfen, einem coolen Getränk und ein paar Aufnahmen mit meiner Kamera, ging es dann an die ehemalige Abwasserröhre von Ehrenbreitstein wo damals unser Hot Spot für Fische aller Art war. Dort hatten wir zu Spitzenzeiten 40-50 Rotaugen in der Stunde gefangen. Aber auch weitaus größere Fische waren dort am Start. Klar, wo ungeklärtes Abwasser in den Rhein fließt, da auch wunderbare Fischpopulation! Einen Fisch aus dieser Ecke hätten wir auch damals schon nicht gegessen. Wir wussten ja wovon sich diese ernähren! 🙂

Heute ist das natürlich alles anders. An besagter Stelle war zum Zeitpunkt unseres Besuches wenig los. Aber die selben Ehrenbreitsteiner von damals kamen auch an diesem Tag vorbei und fragten uns, ob wir schon etwas gefangen hätten. Ich musste lachen… der Schwimmer meiner Angel kreiste die ganze Zeit in einem Bereich wo ich damals alle paar Sekunden einen Biss hatte, doch heute, da war da nichts, außer die Möglichkeit sich mit seinem Haken am Grund festzusetzen und mit einem „Hänger“ beendete ich auch meine Aktivität am Wasser. Weiter draußen da ging schon was ab. Aber wir hatten die typischen kurzen Angeln von damals dabei. Ein wenig moderner aber sonst dieselbe Technik und Lokation. Am Ende unserer Session, ich glaube wir hatten mehr über Gott und die Welt geredet als uns auf mögliche „Bisse“ zu konzentrieren. Wir waren wir uns einig: Das wiederholen wir! Sehr gerne kann ich nur sagen! Das witzige war, als wir einpackten, kam gerade die Wasserschutzpolizei mit ihrem Boot an und beobachtete uns mit ihrem Fernglas. Ich wäre gerne noch eine halbe Stunde stehen geblieben um mich vielleicht überprüfen zu lassen. Dann hätte ich gesagt „ÄTSCH! Anders wie vor 28 Jahren habe ich heute einen Angelschein! 🙂
Ein kleines Video von unserem kurzen Trip gibt es hier:

Im Grunde hat jeder die Möglichkeit ein Stückchen Vergangenheit erneut zu erleben. Solange sich der Ort, die Gerüche und die Einstellung zum Thema nicht geändert haben, hat man eine gute Chance es hautnah zu erleben. Hier werde ich am Ball bleiben und versuchen, das typische Gefühl von Freiheit aus meiner Kindheit / Jugend erneut erleben zu können. Mal sehen was mir noch alles einfallen wird um dieses positive Gefühl aus dem tiefen Inneren wieder hervor zu bringen.

Beste Grüße,
Hulti

Ehrenbürger von Sparfuchshausen

Hulti

•Blogger•Gärtner•Heimwerker•ultimativer Drachenbändiger.

4 Antworten

  1. Mario Hulten sagt:

    Bruder! Dein Artikel ist der Hammer! Genau getroffen! Du schreibst aus dem Herzen und öffnest Herzen! Das ist eine Kunst und die beherrschst Du! Immer wieder schön Deinen Blog zu Lesen! Unser Tag am Wasser….. sehr bald zu wiederholen! Dir ein großes Dankeschön!

  2. Sigi Hulten sagt:

    Klasse Artikel,Sascha !!! Wunderbar ,was Du über Deine Lehrerin geschrieben hast und überhaupt über Deine Gefühle in Nostralgie.Auch das Video ist so stark … und überhaupt der gesamte Style des Artikels,mir kamen eben auch sehr starke Gefühle von früher ins Herz ,danke dafür 🙂

    • Hulti sagt:

      Vielen Dank Sigi, macht immer wieder Spaß in die Vergangenheit zu stöbern. Suche noch den Karton mit meinen TNC für Packet. Vielleicht kommt da auch noch ein passender Beitrag zu. Yaesu FT 747 inklusive. Ich muss mal nach den Fotos auf dem Dachboden schauen. Liebe Grüße! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.